Helen Heberer Mannheim SPD

Portrait

»Bewegung, Vitalität und Ausdruck - Mit Sprache Bilder malen«

Helen Heberer, Dozentin für Sprecherziehung, Sprach- und Atemtherapeutin, Theaterpädagogin - Ein Porträt von Felix Hau

Es ist halb neun, und wir suchen - inzwischen ernstlich durchgefroren - die Quadrate nach einem Ort ab, an dem ein wärmendes Getränk unsere Sprechwerkzeuge für das bevorstehende Interview lockern könnte. Trotzdem ich in Mannheim aufgewachsen bin, war mir nicht bekannt, dass der Wunsch, morgens irgendwo einen Kaffee zu ergattern, den Eingeborenen völlig fremd zu sein scheint. Auch Helen Heberer wird langsam fuchtig. Nach bereits zwei gescheiterten Versuchen befinden wir uns auf der Zielgeraden zum Café Binokel und meine Begleiterin, die immer wieder rechts und links vorbeilaufenden Gestalten ein freundliches »Hallo!« entgegenruft und dazu grüßend winkt, zischt mit gerunzelten Brauen: »Wenn das jetzt auch zu hat, dann werde ich da mal was unternehmen müssen«. Die 49-jährige quirrlige Dozentin für Sprecherziehung und Sprach- und Atemtherapeutin ist seit einiger Zeit auch auf politischer Ebene tätig. Zu ihrem Job als SPD-Stadträtin kam sie, weil sie unter Demokratie »mitmachen« versteht. Der Vorschlag, politisch aktiv zu werden, wurde von außen an sie herangetragen (»Sind Sie in der Politik tätig? Nein? Aber warum denn nicht?«), und man kann das bestens verstehen. Wenn irgendwer etwas bewegen kann, dann ist das die vor Energie spühende Helen Heberer.
Das Café hat offen, wir machen es uns in einer Ecke bequem, ordern zwei Eimer Milchkaffee und Croissants und beginnen nach einer kurzen Aufwärmphase das Gespräch.
Alles, was mit Sprache zusammenhängt, hat die gelernte Fremdsprachenkorrespondentin schon immer interessiert. Dass sie daraus einen Beruf machen würde, stand außer Frage. Als Jugendliche jobbte sie mit Begeisterung am Theater als Statistin, hatte Spaß an Sport und allem, was mit Bewegung zu tun hat, kurz: sie ist bereits singend, tanzend und schauspielend auf die Welt gekommen. Dass sie dann mehrere Sprachen lernte und die Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin machte, war zunächst eher ein Kompromiss mit den Wünschen ihrer Eltern; sie sollte etwas »Vernünftiges« lernen - man kennt das ja. Nach der Ausbildung war sie in der Wirtschaft tätig, was sie aber nicht wirklich befriedigte. »Ich hatte das Gefühl, dass es nicht meine Aufgabe ist, in einem Wirtschaftsunternehmen dafür zu sorgen, dass das soziale Gefälle noch größer wird - wenn man die Konsequenzen einer solchen Tätigkeit mal in den Blick nimmt.«
In ihrer Abschlussarbeit im Fach Englisch hatte Helen Heberer über O'Neills »Summerhill«-Projekt geschrieben. Die Erkenntnis, dass gesellschaftliche Verhältnisse sich nur dann wirklich verändern, wenn man in der Pädagogik die Anlagen dazu schafft, fand sie einleuchtend. Sie bewarb sich auf ein Inserat der Freien Waldorfschule Mannheim, die Mitarbeiter für die Verwaltung suchte und wurde aus 35 BewerberInnen sofort engagiert. »Nach dem Gespräch bin ich erstmal in die nächste Bibliothek und habe mir einen Arm voll Bücher geholt« - von Waldorfpädagogik und Anthroposophie hatte sie bis dato keine Ahnung. Sie las nun Steiner, »und es war wieder zuerst die Sprache, die mir auffiel... Es ist halt aus einer anderen Zeit«, sagt sie und schmunzelt. Einiges von dem Gelesenen war ihr unmittelbar verständlich, anderes weniger. Aber ihr Interess war geweckt.
Damals gab es in Mannheim noch kein Lehrerseminar, aber die Waldorfschule veranstaltete in ihren Räumen berufsbegleitende Kurse, in denen die Weiterbildung zum Waldorflehrer erworben werden konnte. Dieses Angebot nahm Heberer wahr und sprang neben ihrem neuen Job im Schulbüro auch schon bald als Vertretungskraft in der Schule ein. Dann wechselte sie gänzlich von der Verwaltung in den Lehrbetrieb und unterrichtete zunächst regulär Handarbeit und Sport und fallweise Fremdsprachen.
Zu dieser Zeit lernte sie Dora Gutbrod kennen. Die Schülerin Marie Steiners hatte in Dornach ihre eigene Sprachgestaltungs-Schule und besuchte hin und wieder die ein oder andere Waldorfschule, um dort mit den LehrerInnen in Workshops an der Sprache zu arbeiten. Helen Heberer war begeistert. Die bisherigen Erfahrungen mit Sprachgestaltung waren eher negativ. In Stuttgart hatte sie anlässlich einer Eurythmieaufführung erstmals einen Sprachgestalter als Rezitator erlebt. »Da hab' ich einen Lachkrampf bekommen und musste den Raum verlassen«. Sie erlebte in dieser Rezitation eine gekünstelte, exaltierte Sprache, ohne dass der sprechende Mensch oder irgend etwas anderes darin zum Ausdruck gekommen wäre.
Dora Gutbrod war anders. »Da war immer Feuer, Bewegung, Begeisterung, Vitalität und Ausdruck. Da war ein Mensch, der mit Sprache Bilder erzeugen konnte; Dora konnte mit Sprache malen, plastizieren - und das hat mich fasziniert.« Hier war eine Brücke geschlagen zu Heberers Jugendzeit am Theater; dort hatte sie Ballett gemacht, eine Tanzausbildung genossen und im Chor gesungen; die Theaterwelt war ihr auf Grund des bunten und vollen Lebens, das in ihr liegt, so wichtig gewesen. Das fand sie nun gebündelt in dem künstlerischen Umgang mit Sprache, wie ihn Dora Gutbrod pflegte.
Ihr Entschluss stand fest: Sie ging nach Dornach und absolvierte dort an Dora Gutbrods Schule die Ausbildung zur Sprachgestalterin. Neben dem künstlerischen Aspekt interessierte sie sich auch für den therapeutischen. Damals war es für die Sprachgestaltungs-Studierenden noch möglich, in der Arlesheimer Ita-Wegman-Klinik mit Patienten direkt zu arbeiten, die auf Grund einer Erkrankung entweder wieder sprechen lernen mussten oder bei denen eine Sprachtherapie aus anderen Gründen indiziert war. Auch die Betreuung heilpädagogischer Kinder begleitete das Studium.

Ich frage, wie man sich einen typischen Ausbildungstag vorstellen kann.
»Das geht morgens mit Sprachübungen los«, sagt Helen Heberer. »Da wird dann epochenweise an Gedichten, an Prosa oder an Dramen gearbeitet. An einem Morgen konzentriert man sich vor allem auf den Rhythmus, an einem anderen auf Alliterationen. Die ganzen Stilelemente werden erarbeitet.« Zu meinem grenzenlosen Erstaunen wird mir eröffnet, dass neben Gymnastik und Eurythmie auch der klassische griechische Fünfkampf zur Ausbildung dazu gehört. »Und natürlich die medizinischen Themen: Anatomie, der heilpädagogische Kurs und so weiter«. Eine weitere Überraschung macht mir endgültig deutlich, dass ich von der Sprachgestalter-Ausbildung ein völlig falsches Bild hatte: »Wir haben dann auch Kehlköpfe und Lungen plastiziert und uns so eingehend mit der Anatomie der Sprachorgane auseinander gesetzt; das war sehr tiefgehend«. Besuche in der Basler anatomischen Sammlung nebst Zeichnung der Objekte standen ebenfalls auf dem Programm.
Nachmittags wurde mindestens drei Stunden geübt. »Drunter ging es nicht; die hat das gehört, wenn Du das nicht gemacht hast« - Helen Heberer beißt lachend in ihr Croissant.
Ich hake nach: was wird denn da eigentlich geübt? »Ja, landläufig meint man ja, es sei damit getan, ein Gedicht auswendig zu lernen«. Auch bei ihren Studenten erlebt sie das immer wieder. »Die prägen sich stumm einen Text ein«. Das allerdings berührt ja noch gar nicht den sprachlichen Anteil daran. »Es geht darum, im Laut plastisch zu werden«, sagt sie, und ich ärgere mich in der Folge, dass Info3 (noch?) kein Radioprogramm ist; denn nun folgen Beispiele. Als erstes aus den »gefesselten Musen« von C. F. Meyer: »Wenn ich sage: ›Es herrscht ein König irgendwo« und das erstens lyrisch und zweitens vorne auf den Lippen spreche (tut es), dann hat man den Eindruck, es geht um einen netten jungen Mann, edel, schön und so weiter. Wenn ich es aber eher hinten aus dem Gaumen spreche (tut es ansatzweise) - ich kann das jetzt hier im Café nicht richtig - dann hat man das Gefühl: o, der is 'n bissel unbequem, der König, 'n launischer Kerl oder so.«
Tatsächlich hatte ich beim Zuhören genau diese Assoziationen und bestätige das Gesagte. »Ja«, sagt Helen Heberer, »und jetzt ist es ja so, wenn Du das Gedicht kennst, dass es darin um einen Despoten geht. Wenn ich also das Bild von Anfang an richtig zeichnen will, dann muss ich das Sprachlich in die richtige Nuance bringen«.
Gerade im Umgang mit Kindern ist es von entscheidender Wichtigkeit, nicht dadurch Verwirrung zu stiften, dass die sprachliche Form nicht zum Inhalt passt, wenn zum Beispiel ein Märchen erzählt wird. Wenn im Text steht: Der König ging in den Garten - und weinte, dann kann ich schon den Anfang des Satzes nicht in dem üblichen Märchen-Singsang erzählen, sondern muss bereits das Weinen des Königs als Bild vorbereiten. Sonst ist das Kind noch lange damit beschäftigt, aus dem fröhlichen König nachträglich einen traurigen zu machen, während die Geschichte aber schon weiter geht. »Das ist schon die erste Möglichkeit, Konzentrationsschwächen zu erzeugen; nur durch die Art, wie ich spreche«. Mit Sprache malen zu lernen - das wird in der Ausbildung geübt.
Die Arbeit am Atem ist ein weiteres Feld. »Die zweitgrößte Angst der Menschen - die größte ist die vor dem Sterben - wird durch das Sprechen vor großen Mengen verursacht«, sagt Helen Heberer, die auch mit »Profi-Sprechern« arbeitet. Wenn man aufgeregt ist, geht die Stimme nach oben. »Das kriegt man eigentlich nur durch eine Atemtechnik in den Griff, indem man den Atem beruhigt und zum Beispiel die Vokale nach unten spricht.« Und das hat einen Einfluss auf die Aufgeregtheit? »Ja« bestätigt Heberer, »wenn Du entspannt auf dem Sofa liegst und findest alles saugut, dann ist Dein Atem ruhig und Deine Stimme voll und tief; das korrespondiert - und das kann man nutzen«. Auch Massenhysterien entstehen unter anderem dadurch, dass sich Aufgeregtheit über den Atemrhythmus der Umgebung mitteilt und es für den Einzelnen sehr schwer ist, sich dagegen zu wehren; er wird von diesem Rhythmus erfasst und mitgerissen.
In der Pädagogik, ergänzt sie lachend, geht es auch andersrum. »Wenn Du eine total schlappe Klasse vor Dir sitzen hast, dann musst Du die erstmal sachte in Wallungen bringen, indem Du sie über einen gewissen Rhythmus in einen tieferen Atemprozess führst«.
Rhythmus ist ohnehin ein vielfach missverstandenes Phänomen; »Rhythmus wird ja leider immer mit Takt verwechselt«. Helen Heberer ist auch als Theater-Pädagogin tätig. Nach der Ausbildung arbeitete sie zunächst an der Wegman-Klinik, löste aber bald ihr Versprechen an die Mannheimer Schule ein, wiederzukommen. Zunächst betreute sie dann dort so manches Klassenspiel, jetzt bringt sie zusammen mit ihren Studenten an der Freien Hochschule für Anthroposophische Pädagogik Stücke auf die Bühne. Unter Rhythmus verstehen viele etwas immer Gleichförmiges. »Dabei ist es wie in der Musik«, entrüstet sich Heberer, »da wechseln doch auch die Tempi«. Ein gutes Theaterstück muss einen Rhythmus-Wechsel haben, sonst schlafen die Zuschauer ein und die Schauspieler kommen nicht in ihre Rolle. »So eine Gleichförmigkeit ist ja unerträglich«.

Ich frage nach dem Berufsbild. Die Möglichkeiten, eine sprachgestalterische Ausbildung auf verschiedenen Feldern sinnvoll einzusetzen, scheinen ja sehr groß. Gibt es einen angestammten Arbeitsbereich?
Das Berufsbild sei eigentlich dasjenige des »Sprecherziehers«, sagt Heberer. Im therapeutischen Sektor deckt sich das Anwendungsgebiet mit demjenigen der Logopäden - allerdings hat der Ausbildungsgang einen anderen Ansatz und eben vor allem einen künstlerischen Schwerpunkt. Aber es gibt auch dort Entsprechungen. Die Lautanbahnung - in einem Fall z.B., wo ein Kind oder später ein Erwachsener bestimmte Lautgruppen nicht spricht - wird in der Sprachgestaltung zunächst über die Grobmotorik angeregt. Wenn ich als Kind z.B. einen Gaumenlaut nicht sprechen kann, dann wird eine Entsprechung gesucht. »Man nimmt z.B. die Hand; da wäre es der Handballen - und dann wird mit Ton oder ähnlichem geknetet«. Das ist in der Logopädie ähnlich, wenngleich auch mit anderem Erklärungsmuster. Sowohl im allgemein klinischen und im heilpädagogischen Bereich als auch in freien Praxen ist die Tätigkeit von Sprachgestaltern auf dem medizinischen Arbeitsfeld möglich. Allerdings besteht keine saatliche Anerkennung und damit keine Vergütung durch die gesetzlichen Krankenkassen.
Des weiteren gibt es die Möglichkeit, an einer Waldorfschule mit Schülern und Lehrern an der Sprache zu arbeiten; hier gehört meistens das Inszenieren von Theaterstücken zum Aufgabengebiet des Sprachgestalters. Allerdings, so Heberer, ist festzuhalten, dass Sprachgestalter bislang in der Regel dafür eigentlich nicht umfassend ausgebildet sind.
Im künstlerischen Arbeitsfeld haben Sprachgestalter oft ihren Standort an Eurythmiebühnen oder beim Schauspiel. Oder sie arbeiten anderweitig als Rezitatoren.
»Für mich ist es ganz wichtig, dass es auf jeden Fall mit Freude zu tun hat, wenn man spricht. Ich höre immer wieder von Menschen, die Sprachgestaltung kennengelernt haben und mir von Kursleitern erzählen, die sagen, man darf in der Sprachgestaltung nicht lachen. Also, das finde ich tödlich. Sprechen ist doch die vitalste Ausdrucksform des Menschen!«. Es gibt wenig, das so beruhigend und identifikationsstiftend wirkt, wie der Umstand, zu wissen, dass man sich selbst, sein Innerstes, über Sprache äußern kann. Dort, wo das nicht möglich ist, werden oft andere Artikulationsformen gesucht; und die sind dann meist körperlich.

Heberers Verhältnis zu ihren Studenten ist - wie nicht anders zu erwarten - hervorragend. Oft hört sie, dass diese sich selbst entdecken lernen und durch das Sprechen innerlich und äußerlich bewegt fühlen. Schwer vorstellbar ist das nicht, wenn man die energiegeladene, humorvolle Dozentin live erlebt.
»Sprechen stärkt die Persönlichkeit; sich so ausdrücken zu können, dass man verstanden wird, ist das A und O. Da gibt es viele Wege«, sagt Helen Heberer. Lachend fügt sie hinzu: »aber keiner führt am Üben vorbei«.